Psychoscripte

Die Psychologie - eine Wissenschaft für Erzähler

Die Psychologie ist aus meiner Sicht keine reine Wissenschaft, erst recht keine Naturwissenschaft, sondern eine wissenschaftliche Kunst.
Sie schafft keine Mosaike der Realität, sie produziert in ihren Laboren nicht die dazu passenden Mosaiksteinchen, sondern sie kreiert Modelle und erfindet Metaphern der Wirklichkeit und kleidet diese Modelle und Metaphern in Geschichten. Damit sind nicht nur Fallgeschichten gemeint.
Aus meiner Sicht kann man Psychologie nur Geschichten erzählend treiben - selbst im psychologischen Labor werden Geschichten erzählt. Wenn ein psychologisches Experiment etwas taugt, dann hat es poetische Tiefe.

Wenn wir das Verhalten von Menschen protokollieren, ihre Einstellungen durch Fragebögen erfassen, mit ihnen in psychologischen Laboratorien experimentieren oder ihre Gehirnströme messen, dann erfassen wir sie nur von außen.
Wir erhalten auf diese Weise sehr präzise "Schaltpläne" ihrer Psyche, aber ihre Subjektivität verstehen wir so nicht.
Natürlich sind diese "Schaltpläne" nicht wertlos; nicht nur die Wissenschaft, auch die Praxis kann von ihnen profitieren.
Aber niemand wird ihren Sinn erfassen, ohne von innen in die Bilderwelt der Seele einzutauchen.

Lichtjahre entfernt ist die wissenschaftliche Psychologie von der Psychologie der Psycho-Magazine und Ratgeber. Das ist die Spielwiese für kleine Mädchen, das Seelenparadies, wo alle Wunden heilen. Der Emotionsquirl, der ihre Sorgen versaftet. Diese Psychologie beherrscht den Markt.
Sind Sie aber ein Kaltduscher, dann brauchen Sie das gerade nicht. Dann brauchen Sie die andere, die pragmatische Psychologie. Jene, die sich, ohne wissenschaftsgläubig und zahlenfetischistisch zu sein, an der Wissenschaft und der systematisch erforschten Praxis orientiert und ihre Erfahrungen in Geschichten verpackt.
Es gibt eine Psychologie für Männer. Entscheiden Sie sich für diese, auch wenn Sie eine Frau sind.

Die poetische Psychologie ist keine esoterische Psychologie. Die einzige Magie, die sie akzeptiert, ist der Zauber der Sprache. Nicht das Verhalten, nicht der Körper, nicht das Gefühl, vielmehr ist die Sprache der Königsweg zum Verständnis der menschlichen Seele - und ihrer Veränderung. Die Macht der Sprache zeigt sich nirgens deutlicher als in der Hypnose.

Was ist eigentlich die "Seele"? Wenn wir vom theologischen Gebrauch dieses Begriffs einmal absehen, so bezeichnet die Seele die Gesamtheit der Geschichten, die ein Individuum sich und anderen über sich selbst und seine besondere Sicht der Welt erzählt. Werden diese Geschichten gedeutet, dann kommt man zur hermeneutischen, also sinndeutenden Psychologie, die unter dem Einfluss des Behaviorismus und seiner scientistischen Nachfolger lange Zeit ein akademisches Schattendasein führte. Die Unzufriedenheit einer wachsenden Zahl von Psychologen mit dem Computer-Modell des Verhaltens und Erlebens führt allerdings neuerdings wieder zu einem gesteigerten Interesse an der Seele. Qualitative Forschungsmethoden, die Widergeburt der Introspektion, des Blicks nach Innen und die Entwicklungen der sog. narrativen (erzählenden) Psychologie zeugen davon. Die psychoscripte sind ein Ausdruck dieses neuen Trends.

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© Hans Ulrich Gresch (für sämtliche Texte; S. Seferlyn und C. F. Solwega sind Pseudonyme von Hans Ulrich Gresch)

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Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch (Gästebuch)

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