Wie Feuer und Wasser

Warum sich Extravertierte und Introvertierte auf die Nerven gehen


von Hans Ulrich Gresch



Manche meinen, Männer und Frauen könnten sich nicht verstehen. Sie seien zu verschieden. Die einen kämen vom Mars, die anderen von der Venus. Nur wenn sie einander völlig gleichgültig seien oder im Zustand der Verliebtheit könnten sie Frieden halten. Sonst herrsche Krieg zwischen den Geschlechtern, auch wenn dieser durch einen Waffenstillstand kaschiert würde.
Das mag stimmen oder auch nicht. Ich kenne Beispiele für diese These und gegen sie. Ein allgemeines Gesetz will ich aus diesen Beobachtungen nicht ableiten. Männer und Frauen bilden mit Sicherheit nicht die Spitzenposition gespannter Verhältnisse, auch nicht Angestellte und Vorgesetzte, Moslems und Christen, Schwarze und Weiße und was der Gegensätze mehr sind. Absolut top, was Missverständnisse, Ressentiments, Animosität, versteckte und offene Feindseligkeit betrifft, sind Extravertierte und Introvertierte.


Extravertierte

Extravertierte interessieren sich für ihre Umwelt, sind offen, gesprächig, mitunter geschwätzig, vergleichen ihre Meinung mit den Überzeugungen anderer, lieben Aktivität und Initiative, finden leicht neue Freunde und passen sich schnell neuen Gruppen an, sagen, was sie denken, sind an neuen Bekanntschaften interessiert und geben ggf. mit Leichtigkeit Beziehungen auf..

Introvertierte

Introvertierte interessieren sich für ihre eigenen Gedanken und Gefühle, brauchen ihr eigenes Territorium, wirken häufig reserviert, ruhig und gedankenvoll, haben in der Regel nicht viele Freunde, haben Probleme, neue Beziehungen aufzubauen, lieben Konzentration und Ruhe, hassen unerwartete Besuche und machen daher auch keine und arbeiten am liebsten allein.

The Big Five

Die Dimension Extraversion-Introversion gehört zu den fünf bedeutenden Persönlichkeitsmerkmalen, die in der neueren amerikanischen Literatur als "die großen Fünf" bezeichnet werden. Die anderen Dimensionen sind: Neurotizismus, Umgänglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für Erfahrungen.



Leben in der BalanceDer deutsch-britische Psychologe Hans Jürgen Eysenck schlug Anfang der fünziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine verblüffend einfache, neuro-psychologische Erklärung für die Unterschiede zwischen Extravertierten und Introvertierten vor.

Eysencks Theorie beruht auf der Tatsache, dass Menschen ein mittleres zentralnervöses Erregungsniveau anstreben, weil sie sich sonst nicht wohlfühlen. Den Introvertierten ist, so Eysenck, ein zu hohes zentralnervöses Erregungsniveau angeboren, so wie den Extravertierten ein zu niedriges. Folgerichtig versuchen die Introvertierten, sich gegenüber Reizen abzuschirmen, während die Extravertierten nach Stimulationen suchen.

Wenn diese Theorie zutrifft, dann ist es nicht weiter erstaunlich, dass Introvertierte am liebsten allein in der Stube hocken und ihren Hobbies fröhnen. Die Extravertierten halten es natürlich nicht lange beim Betrachten der Briemarkensammlung aus. Sie müssen raus aus der Hütte und ein Faß aufmachen.

Unter diesen Bedingungen müssen sich Extrovertierte und Introvertierte im wahrsten Sinne des Wortes auf die Nerven gehen.

Als der Personalchef Robert K. seine besten Mitarbeiter Roland Z. und Mirko P. mit einer gemeinsamen Aufgabe betraute, ahnte er nicht, welche Katastrophe er heraufbeschwor. Die beiden Angestellten hatten bisher noch nicht zusammengearbeitet und kannten sich nur flüchtig. Also waren beide guter Dinge, als sie mit ihrem neuen Projekt begannen, das überdies Ruhm und Ehre versprach. Es dauerte jedoch nicht lange, da hielt Roland Z. seinen Kollegen für einen geschwätzigen, aufgeblasenen Hanswurst und Mirko P. meinte, Roland Z. sei ein arroganter, kalter und ständig genervter Stockfisch. Die sonst so kreativen und effizienten Mitarbeiter blockierten sich gegenseitig und mussten schließlich, gerade noch rechtzeitig vor dem Scheitern des Projekts, ausgewechselt werden.

Wäre den beiden Mitarbeitern bewusst gewesen, warum sie so verschieden sind und warum sie so aufeinander wirken, dann hätten sie vielleicht Verständnis füreinander entwickelt. Dann wäre es vielleicht möglich gewesen, eine Form des Miteinanders zu entwickeln, die im Rahmen des Möglichen die wechselseitige Belastung auf das Unumgängliche vermindert.

Doch psychologisches Wissen ist leider immer noch nicht sehr weit verbreitet, obwohl die Regale in den Buchhandlungen vor Psycho-Ratgebern nur so überquellen. Im betrieblichen Alltag ist es häufig sogar eher verpönt, sich mit Psycho-Kram zu beschäftigen. Dabei könnte man in vielen Fällen richtig Geld sparen, wenn bei Entscheidungen im Unternehmen psychologische Aspekte angemessen berücksichtigt würden.

Was im Arbeitsleben häufig nicht gut geht, führt natürlich im Eheleben erst recht zum Disaster. Ehen zwischen Extravertierten und Introvertierten sind meist nicht die Glücklichsten, aber es gibt selbstverständlich auch Gegenbeispiele. Eines der berühmtesten war die Ehe zwischen Jackie und John F. Kennedy.


Jackie Kennedy

Jackie Kennedy war die beinahe perfekte Introvertierte. Wenn ihr Papparazzi zu nahe kamen, schlug Sie mit ihrer Handtasche auf sie ein. Sie sprach sanft und ein wesentlicher Aspekt ihrer Wirkung auf Menschen. Wenn sie ihren Mann J. F. Kennedy auf Wahlkampf-Touren begleitete, fand man sie häufig abseits mit einem französischen Philosophie-Buch in der Hand. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie viele Aspekte der Politik verabscheute. Sie betonte, dass für sie die Erziehung der Kinder mit Abstand die bedeutendste Aufgabe in ihrem Leben sei. Obwohl sie nicht arbeiten musste, beschäftigte sie sich mit der Herausgabe von Büchern. Sie lebte das Leben in und mit der Natur. Onassis zog sie nicht zuletzt auch darum an, weil ihm eine Privatinsel gehörte: Skorpios. Sie blieb morgens lang in ihrem Schlafzimmer und nutzte viele Möglichkeiten, allzu enge Kontakte mit anderen Menschen zu vermeiden.

John F. Kennedy

John F. Kennedy war der nahezu perfekte Extravertierte. Trotz vieler Krankheiten, die ihn seit frühester Jugend begleiteten, war er ein begeisterter (Mannschafts-)Sportler und legte großen Wert auf Fitness. Er war für seine elegante und kostspielige Gardrobe bekannt und wechselte seine Kleidung mindestens zweimal am Tag. Er liebte Western und Filme über den amerikanischen Bürgerkrieg. Doch wenn ihm der Film nicht gefiel, verlies er ihn kurzerhand während der Vorstellung. Er las mit atemberaubender Geschwindigkeit und wurde schnell ungeduldig mit Menschen, die nicht seine rasche Auffassungsgabe gesaßen. Er besaß viel Humor, der allerdings einen sadistischen Einchlag hatte. Im Sport musste er unbedingt gewinnen, und er hasste Leute, die im Wettstreit nicht ihr Bestes gaben. Kennedy war ein berüchtigter Schürzenjäger, und er ließ sich auch mit Frauen ein, die nicht zuvor vom Secret Service überprüft worden waren.

Angeboren

Introversion und Extraversion sind weitgehend angeborene Formen der Lebensbewältigung, die durch Umwelt und Erziehung nur in geringem Maß beeinflusst werden können. Menschen können aber lernen, mit dieser Eigenart effektiv umzugehen und sie anderen geschickt zu vermitteln.

Doch die grundlegenden Vorlieben und Abneigungen kann auch psychologische Gewitzheit nicht ändern und damit auch nicht die sozialen Konsequenzen, die sich zwangsläufig aus Extraversion und Introversion ergeben. Extravertierte schließen nun einmal schnell Freundschaften, bilden Netzwerke, haben vielfältige Kontakte und Unterstützung, und so ist es nur logisch, dass sie leichter und schneller in den gesellschaftlichen Hierarchien aufsteigen - wenn die sonstigen Voraussetzungen dafür gegeben sind. Introvertierte sitzen nun einmal häufiger in der Studierstube, lesen mehr, haben mehr Freude an intellektueller Auseinandersetzung und Problemlösung, und so ist es nur logisch, dass sie häufiger wissenschaftliche und künstlerische Höchstleistungen vollbringen - wenn die sonstigen Voraussetzungen dafür gegeben sind.

Daher werden wir in aller Regel von Extravertierten beherrscht, sie sitzen in den Chefetagen der Politik, der Wirtschaft, des Militärs. Und daher erstaunen und beglücken uns in aller Regel Introvertierte mit kulturellen Großleistungen, sie liefern die großen geistigen und ästhetischen Entwürfe, bringen die Wissenschaft voran und heben das Niveau der Künste.

Persönlichkeitspsychologie im Netz

teachSam ist ein Bildungsserver, der Materialien aus verschiedenen Gebieten schulischen und außerschulischen Lernens anbietet. Er ist entstanden auf private Initiative und ist bei der Auswahl und Gestaltung seines Contents völlig frei. Das Angebot enthält auch einige Seiten zur Persönlichkeitspsychologie.

Der österreichische Psychologie-Professor Werner Stangl hat einen Persönlichkeitstest ins Netz gestellt. Es handelt sich um einen Test, der zwar auf wissenschaftlicher Grundlage beruht, wegen seiner Kürze nach Angaben des Autors aber keinen "großen" Persönlichkeitstest ersetzen kann. Eine Besonderheit dieses Tests besteht darin, dass man ihn auch für andere Personen ausfüllen kann.
Weiter zu Stangls ESV.

Wer englische Lektüre nicht scheut, sollte sich das großartige "Personality Project" des amerikanischen Psychologen William Revelle von der Northwestern University, Evanston, Illinois anschauen.


Dr. Hans Ulrich Gresch, Diplom-Psychologe, Kaulbachstraße 29, 90408 Nürnberg, Tel. 0911-89659017


Valid HTML 4.01 Strict