Gute Christen - böse Satanisten
Angela Lenz (ein Pseudonym) wurde seit frühester Kindheit bis in ihr Erwachsenenleben absichtlich in eine multiple Persönlichkeit verwandelt. Die künstlich erzeugten Pseudo-Persönlichkeiten wurden mit brutalen Methoden abgerichtet wie Hunde. Die Journalistin Ulla Fröhling schilderte den Leidensweg dieser Frau in ihrem Buch "Vater unser in der Hölle". Die erste Auflage erschien 1996, nun liegt eine zweite, überarbeitete und erweiterte Taschenbuch-Version vor.
Dies ist der dritte Kommentar zu diesem Buch von Hans Ulrich Gresch.
Im Kapitel "Exkurs: Satan revisited" setzt sich Ulla Fröhling mit den mutmaßlichen Tätern auseinander, die angeblich Menschen wie ihre Protagonistin Angela Lenz einer Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung unterziehen. Sie beginnt im Stil sattsam bekannter Traktätchen-Literatur:
"Seit Entstehung des Christentums gibt es auch Menschen, die das Gegenteil verehren - wie immer man es nennen mag: Luzifer - den gefallenen Engel -, Satan, den Teufel oder das Böse."
Was dann über Seiten wortreich an Unsäglichem folgt, lässt sich auf die simple Formel eindampfen: Das Christentum hält die Gläubigen zum Guten an, der Satanismus seine Jünger zum Bösen. Liegt es da nicht nahe, dass Satanisten kleine Kinder foltern, unter Drogen setzen, mit Elektroschicks traktieren, durch Reizentzug desorientieren, hypnotisieren, ihre Persönlichkeit absichtlich spalten und die Persönlichkeitsfragmente für sinistre Ziele dressieren?
Dies ist in der Tat das Hauptargument: Satanisten lieben das Böse und darum ist ihnen alles zuzutrauen. Klar, es gibt da auch noch ein paar untergeordnete Begleitargumente: Satanisten sind überall; weltweit treiben zahllose Kulte und Sekten ihr Unwesen. Es wurden weltweit Menschen, die sich zum Satanismus bekannten oder des Satanismus' verdächtig waren, wegen abscheulicher Verbrechen verurteilt. Und dann erst die Ideologie!"Während Christen Gott demütig um Hilfe bitten ('aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe, o Herr'), versuchen Satanisten mit schwarzmagischen Mitteln Macht über ihr eigenes Schicksal zu erzwingen: 'Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz - Liebe unter Willen', ist der Leitsatz von Aleister Crowley."
Fakt ist, dass noch keine satanistische Gruppierung überführt wurde, Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung zu betreiben. Wer sich in die seriöse, wissenschaftliche Literatur zum Satanismus bzw. Luziferismus versenkt, kann keine eindeutigen Bezüge zwischen diesen Ideologien und der absichtlichen mentalen Versklavung von Kindern entdecken. Man kann ja vom Satanismus bzw. Luziferismus halten was man mag, aber man sollte doch nicht so naiv sein zu glauben, dass sie die christliche Vorstellung Satans oder Luzifers anbeten. Für sie ist das ein guter Mann, der die Menschen von der Last einer menschenverachtenden christlichen Zwangsmoral befreit.
Und wie sieht es mit den guten Christen aus, die ihren Herren beständig um Leitung auf einem gottgerechten Wege anflehen? Hexenverbrennung, schon vergessen? Die Bekehrung der Heiden mit Feuer und Schwert, schon vergessen? Allerchristlichste Diktaturen, überall in der Welt, zum Beispiel in Lateinamerika, schon vergessen? Woher stammen denn die Folterkünste und Foltererfahrungen, die sich die Bewusstseinskontrolleure heute zu nutze machen, wenn nicht aus christlichem Mittelalter und christlicher Neuzeit, wenn nicht aus den Folterkellern der Heiligen Inquisition?
Jeder Kriminalist, der rätselhafte Taten aufzuklären hat, fragt sich: Wer hat ein Motiv? Wer hat eine Vorgeschichte vergleichbarer Taten? Verrät der Tathergang etwas über potenzielle Täter? Richten wir in diesem Sinne unseren Blick auf "Gods Own Country", auf die Vereinigten Staaten von Amerika. Es ist bewiesen und nicht nur ein Gerücht, dass CIA-Spezialisten im Rahmen ihrer Gehirnwäsche-Projekte absichtlich multiple Persönlichkeiten erzeugt haben. Es ist erwiesen, dass sie Mandschurische Kandidaten zu produzieren versucht haben, also Menschen, die ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen jeden Befehl ausführen, und koste es auch ihr Leben. Wir wissen, dass Militär und Geheimdienste dieses Staates, in dem die überwiegende Mehrheit der Bürger und Wähler an den christlichen Gott glaubt, Menschen entführen und foltern.
Und dann erst die Motive. Nicht die pure Lust am Bösen, wie sie den Satanisten unterstellt wird, könnte der Grund sein für Bewusstseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung.Welcher Geheimdienst, welche Streitkräfte hätten denn nicht im Ernstfall Himmelfahrtskommandos zu besetzen?
Ja, ich will nicht verhehlen, dass es auch Lichtblicke gibt in diesem Buch. Selbst in der magersten Suppe schwimmen auch ein paar Fettaugen. So viel Fett ist ja schon in den Tränen, die der Koch hineingeweint hat. Nach all dem Satanistenzauber, der sich über mehr als vierhundert Seiten ergießt, lesen wir zum Schluss im Kapitel "Ten Years After":
"Selten scheint die Wahrheit auf, so wie zum Beispiel am 21. Juni 2007, als die CIA einige Geheimdokumente über dunkle Ecken der eigenen Vergangenheit veröffentlichte. In dürren, kalten Worten ist da die Rede von: 'Experimenten zur Verhaltensänderungen an ahnungslosen US-Bürgern'. Manche Überlebende ritueller Gewalt in den USA berichten von diesen Experimenten. Manche in Deutschland auch."
Selten scheint die Wahrheit auf... ja, in der Tat, auch in Ulla Fröhlings Schrift: "Vater unser in der Hölle."