Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch :: psychoscripte

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Abstract

Der Basisprozess der Hypnose ist die Dissoziation. Das Bewusstsein des Hypnotisierten spaltet sich in mehrere Ströme oder Kanäle. Ein Kanal ist exklusiv für die Stimme des Hypnotiseurs reserviert. Bei Menschen, die für Hypnose sehr empfänglich sind, ist es möglich, die Bewusstseinskanäle zu einem regelrechten Kanalsystem auszubauen.

Gresch: Buch über Bewusstseinskontrolle

Hans Ulrich Gresch: Hypnose, Bewusstseinskontrolle, Manipulation. Sachbuch. Düsseldorf (Elitär Verlag) 2010
Zusammenfassung
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Hypnotische Kanalsysteme

Es gibt keinen Königsweg zur Einleitung einer Hypnose. Manche Hypnotiseure schwören auf die eine oder andere Methode. Aber Erfahrung und Forschung zeigen, dass keines der zahllosen Verfahren den anderen eindeutig überlegen ist. Der entscheidende Faktor liegt ohnehin nicht auf Seiten des Hypnotiseurs, sondern des Hypnotisanden. Es gibt Menschen, die man "auf Teufel komm raus" bei aller Anstrengung nur in eine leichte, oberflächliche Trance versetzen kann. Andere, die sog. Hypnotischen Virtuosos, sind bereits hypnotisiert, wenn man Ihnen tief in die Augen blickt und sie halluzinieren bereits in der ersten Sitzung Elefanten und Nashörner. Dennoch gibt es natürlich ein paar Grundregeln, die allen Hypnose-Induktionen gemeinsam sind. Entscheidend ist, die vertrauten Formen der Wahrnehmung und Erfahrung vorübergehend zu deaktivieren.






Als Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die CIA das Potenzial der Hypnose für geheimdienstliche Zwecke untersuchte, interessierte sie sich auch für die Möglichkeiten, eine Hypnose möglichst schnell und ohne Zustimmung des Hypnotisanden einzuleiten. Eine der Methoden, auf die der Geheimdienst verfiel, war ebenso simpel wie wirkungsvoll. Ein Mitarbeiter des CIA-Hypnotiseurs trat unbemerkt an den auf einem Stuhl sitzenden Hypnotisanten heran und zog die Lehne ruckartig nach hinten. Das genügte in vielen Fällen, um dem Hypnotiseur die Arbeit deutlich zu erleichtern.

Schreck, generell Überraschungen führen dazu, dass momentan eingesetzte Schemata der Wahrnehmung und des Denkens nicht genutzt werden können. Damit fehlen "für eine Schrecksekunde" gleichsam die Werkzeuge zur Wirklichkeitskonstruktion. In dieser Situation ist unser Bewusstsein empfänglich für Kommandos, die ihm bei der Auswahl adäquater Schemata helfen. Dies wird von Hypnotiseuren ausgenutzt. Der Hypnotiseur versetzt übrigens den Hypnotisierten mit dem Befehl "Schlaf" oder "Sleep" nicht etwa in Schlaf, sondern er verengt dessen Bewusstsein punktförmig. Der Befehl "Sleep" ist gleichbedeutend mit: "Höre nur auf mein Kommando!" Der Befehl "Sleep", der im Grunde nichts anderes bedeutet als: "Höre nur auf mein Kommando" erzeugt eine sog. Dissoziaton, also eine Spaltung des Bewusstseins in einzelne Ströme oder Kanäle.

Ein Bewusstseinskanal ist nur auf die Stimme des Hypnotiseurs ausgerichtet. Die anderen Kanäle nehmen zwar wahr, was sonst noch geschieht, aber sie sind nicht mehr im Fokus der Aufmerksamkeit. Dieser ist reserviert für den Kanal, durch den die Stimme des Hypnotiseurs strömt. Hypnose setzt die Bereitschaft beim Hypnotisierten voraus, einen Beusstseinskanal exklusiv für die Stimme des Hypnotiseurs zu öffnen. Dazu muss sich der Hypnotisierte nicht bewusst sein, dass er hypnotisiert wird und dass die Quelle der Stimme ein Hypnotiseur ist. Wichtig sind eine Reihe von Voraussetzungen, die eine exklusive Öffnung eines Bewusstseinskanals für eine Stimme begünstigen. Dazu zählen beispielsweise eine entspannte Situation, eine Phase relativer Ruhe nach extremem Stress, jede Form der Monotonie u. ä. Eine Überraschung kann ein Akzent sein, der die Induktion erleichtert; sie ist aber nicht unbedingt erforderlich.

Bei Neugeborenen beobachtet man, dass sie bevorzugt auf die Stimme der Mutter reagieren, obwohl sie offensichtlich noch keinerlei Form von Sprache oder Parasprache verstehen. Sie kennen aber den phonetischen Fingerabdruck der mütterlichen Klangerzeugung vermutlich schon aus dem Mutterleib. Dieser Klang schafft die Kontinuität zwischen dem Leben innerhalb und außerhalb des Mutterleibes. Dies ist die basale Orientierung des menschlichen Geistes. Die Macht der Hypnose knüpft vermutlich an diesen Sachverhalt an. Aber das ist eine Spekulation, die ich nicht beweisen kann. Wenn ein Hypnotiseur erst einmal einen exklusiven Kanal besetzt hat, kann er dem Hypnotisierten eine Identität suggerieren zwischen seiner, also des Hypnotiseurs Stimme und der inneren Stimme des Willens des Hypnotisierten. Dann kann er nicht nur den Fokus der Aufmerksamkeit des Hypnotisierten lenken, sondern auch die Emotionen und die Reflexion. Somit kann er auch die Kritikfähigkeit selektiv ausschalten. Der Hypnotisierte kann dann nicht mehr als peinlich empfinden, was er sonst als peinlich empfinden würde. Man kann Menschen dazu bringen, "freiwillig" auf ihren freien Willen zu verzichten - durch Verführung, Täuschung oder auch durch nackte Gewalt.

Die Dissoziation, die Spaltung des Bewusstseins in mehrere Ströme oder Kanäle und die Exklusivität des Bewusstseinskanals, durch den die Stimme des Hypnotiseurs fließt, sind spontane Phänomene, die bei jeder Hypnose auftreten. Der Hypnotisierte muss zu dieser Leistung nicht angeleitet werden; es handelt sich um eine spontane Reaktion des Nervensystems. Der Hypnotiseur hat aber die Möglichkeit, die spontanen Kanäle zu einem regelrechten Kanalsystem auszubauen.

Dies gelingt natürlich umso besser, je empfänglicher der Hypnotisand für die Hypnose ist. Stellen wir uns als vor, ein Hypnotischer Virtuoso erhielte von seinem Hypnotiseur folgendes Kommando:

"Wenn ich sage:'Klammer auf - Kanal A', dann hören Sie nur meine Stimme, für alles andere sind sie taub und blind. Erst wenn ich sage: 'Kanal A - Klammer zu', dann sehen und hören Sie wieder alles ganz normal."

Sagt der Hypnotiseur nun "Klammer auf - Kanal A", dann wird der Hypnotisierte die Welt um ihn herum nicht mehr wahrnehmen und nur noch die Stimme des Hypnotiseurs in sein Bewusstsein lassen. Nun kann der Hypnotiseur den Kanal A noch weiter ausgestalten, z. B. durch das Kommando:

"Wenn ich sage: 'Klammer auf - Kanal A weiblich', dann hören Sie nur noch meine Stimme, aber als Frauenstimme."

Auch dieses Kommando, und ähnlich Gelagerte natürlich auch, werden ihre Wirkung nicht verfehlen. Der Hypnotiseur muss sich nicht auf einen Kanal beschränken. Er kann beispielsweise andere Kanäle anderen Personen zuordnen und sie mit anderen Spezifikationen verbinden. Er muss sich nicht einmal auf lebende Personen beschränken. Es könnte auch der vor sechs Wochen verstorbene Onkel Otto sein. Falls der Hypnotisierte ein phantasiebegabter Mensch ist, wird er berichten können, wie es Onkel Otto im Jenseits ergeht und er wird felsenfest davon überzeugt sein, mit einem Verstorbenen Kontakt gehabt zu haben.

Der Hypnotiseur kann nun nach Belieben Kanäle öffnen oder schließen, Spezifikationen hinzufügen oder entfernen. Er kann das Bewusstsein des Hypnotisanden steuern, als hätte er eine Schalttafel. Dies gelingt in Vollendung natürlich nur mit einem Hypnotischen Virtuoso - und auch mit diesem bedarf es einer gewissen Übung, bis das Kanalsystem voll ausgebaut und funktionsfähig ist.

Klar, auf diesen Einwand habe ich gewartet. Sie haben natürlich recht, lieber Leser. Den Begriff "phantasiebegabt" habe ich etwas leichtfertig verwendet. Es könnte ja durchaus sein, dass uns diese hypnotische Kanaltechnik tatsächlich die Möglichkeit eroffnet, mit Verstorbenen oder vielleicht auch mit Tieren, Außerirdischen, Engeln, Dämonen und, wer weiß, vielleicht gar mit Satan selbst Kontakt aufzunehmen. Ich, ehrlich gesagt, glaube zwar nicht daran; aber ich bin schon zu alt, um Freude daran zu empfinden, meine Meinung absolut zu setzen. Wenn ich nun schreibe: "Klammer auf - Bewusstseinskanal A exklusiv für Verstorbene öffnen...", dann grüßen Sie mir Onkel Otto recht schön.

© Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch