
Kontakt: eMail | Beratungstelefon: 0911-9197442 | (kostenpflichtig)
Politik, die erfolgreich sein will, muss sich an den Gesetzen der Massenmedien orientieren. Ex-Bundeskanzler Schröder meinte zu seinen Glanzzeiten, er brauche nichts weiter als die Glotze und Bild. Unsere Zeit ist weiblicher geworden und so sind auch die Medien emotionaler geworden. Was einst die Spezialität der Bild-Zeitung war, nämlich die Emotionalisierung durch Bilder, ist heute in allen News-Medien gängige Praxis. Und so werden auch politische Botschaften zunehmend in emotionalisierende Bilder gepackt. Dies ist im Grunde keineswegs verwerflich. Schließlich lehrt die noderne Neuropsychologie, dass Gefühl und Verstand mitnichten im Widerspruch zueinander stehen. Zum realitätsangemessenen Denken sind Gefühle unbedingt erforderlich. Hätten wir keine Gefühle, so wären wir zu keiner vernünftigen Entscheidung in der Lage. Gefühle weisen unserem Denken den Weg, doch leider kann das auch der falsche sein.
Die SPD steckt in einem Dilemma, sein Name ist "Die Linke". Die Linke ist eine sozialdemokratische Partei mit kommunistischer Vergangenheit. Die SPD ist eine neoliberale Partei mit sozialdemokratischer Vergangenheit. Also dürften diese Parteien sich eigentlich nicht ins Gehege kommen, weil sie de facto Wählerschichten mit objektiv unterschiedlichen Interessen vertreten. Doch so einfach ist das leider nicht. Denn nicht wenige sozialdemokratisch gesinnte bzw. für sozialdemokratische Inhalte begeisterungsfähige Wähler sind im Zwiespalt,ob sie SPD oder Linke wählen sollen. Ihnen ist nicht bewusst, dass es z. Z. nur eine sozialdemokratische Partei gibt, nämlich die Linke. In der SPD gibt es zwar noch einige Sozialdemokraten, aber die Führungsriege ist mehrheitlich neoliberal. Dennoch möchte diese Führungsriege natürlich das sozialdemokratische Wählerpotenzial an sich binden.
Kommen wir nun zu meiner Vorrede zurück: Emotionalisierung durch
Bilder. Die neoliberale Führungsriege der SPD möchte der
Linken ihr Klientel aus Arbeitslosen, von Arbeitslosigkeit
Bedrohten,Geringverdienern und entschiedenen Sozialdemokraten
abspenstig machen. Um die Bedeutung der Emotionalisierung durch Bilder
wissend, greifen sie wie kleine Kinder nach allem, was glitzert. Was
gleißt schöner in der Ödnis ausgebrannter Hirne als
Mauer und Stacheldraht, als der unrühmliche "Antifaschistische
Schutzwall" der DDR. Welch ein Bild, welch eine Verlockung! "Die Linke
hat eine Vergangenheit", ruft der rechte SPD-Boss, sobald er eines
Mikrofons oder einer Kamera ansichtig wird, "und diese Vergangenheit
heißt "Mauer und Stacheldraht".
Die Linken haben es den neoliberalen SPD-Führern allerdings auch leicht gemacht, erfolgreich mit diesem emotionalisierenden Bild zu operieren. Ließen sie schließlich DKP-Leute auf ihren Listen kandidieren, allen voran die unsägliche Christel Wegner. Christel Wegner gehört zur Betonkopf-Fraktion in ihrer Partei, die nicht begriffen hat, dass die Verklärung der DDR heute überflüssig geworden ist, weil die Geldkoffer von der Stasi ohnehin ausbleiben. Leute aus der DKP auf Linken Listen antreten zu lassen, zeugt allerdings von einer Naivität, die in der Tat Zweifel an der Wählbarkeit der Linken aufkeimen lässt. Dies jedoch nicht aus den Gründen, die SPD-Bosse potenziellen Wählern suggerieren wollen.
Selbstverständlich gehört es zu den vornehmsten Funktionen unserer Gefühle, uns vor Gefahren zu warnen. Ist die Angst beispielsweise nur stark genug, entscheiden wir uns, ohne zuvor den schwerfälligen Verstand zu befragen, zur Flucht. Reißaus zu nehmen vor Leuten, die den ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschen Boden wiederauferstehen lassen wollen, wäre selbstverständlich eine überaus berechtigte Reaktion. Und so wären wir auch gut beraten, unserem Gefühl zu folgen und von einem Kreuzchen vor ihrer Liste Abstand zu nehmen. Genau diese Reaktion soll ja das emotionalisierende Bild von Mauer und Stacheldraht ja hervorrufen.
Doch leider verdrängt dieses starke Gefühl ein anderes, in diesem Fall noch wertvolleres. Nämlich jenes Gefühl, dass uns die SPD-Bosse mit der Wahl dieses Bildes durch emotionale Steuerung auf eine falsche Fährte locken wollen. Noch angebrachter als die Furcht vor stalinistischem Terror wäre in diesem Falle nämlich das Misstrauen gegenüber den SPD-Bossen, die ja ohnehin nicht gerade für Glaubwürdigkeit bekannt sind.
Atmen wir also kurz durch. Überlegen wir uns, was wäre, wenn alle maßgeblichen Politiker der Linken tatsächlich so gestrickt wären wie Christel Wegner. Und stellen wir uns weiter vor, es gelänge diesen Politikern, bei der nächsten Bundestagswahl die absolute Mehrheit zu erringen. Und nehmen wir schließlich an, diese Politiker krempelten dann die Ärmel auf und machten sich daran, die DDR wieder aufzubauen.
Keine Bange, aufwachen. Das ist doch nur ein Alptraum. Selbst wenn die Bosse der Linken die DDR aus der verdienten Versenkung hervorzerren wollten, es würde ihnen nicht gelingen. Die DDR war nämlich ein Produkt des Kalten Krieges. Und sie wäre ohne die Konfrontation der Blöcke in ihrer scheußlichen Form gar nicht möglich gewesen. Es hätte diese DDR vor allem nicht gegeben ohne die Sowjetunion in den Zeiten vor Gorbatschow.
Die Sowjetunion ist aber untergegangen. Sie kommt auch nicht wieder. Und so wird es auch keine neue DDR geben. Die Linke ist also trotz DDR-Nostalgie bei manchen ihrer Funktionäre oder Listen-Kandidaten aus anderen Parteien durchaus wählbar. Ob solche nostalgischen Träume von übergroßer Intelligenz, Wahrheitsliebe und Realitätssinn zeugen, ist allerdings eine andere Frage.
Man kann der Führungsriege der SPD natürlich nicht verargen, dass sie sind dem Trend der Zeit anpasst und politische Botschaften in einer textpsychologisch professionellen Form zu vermitteln versucht. Es ist also auch keineswegs grundsätzlich verwerflich, in zentralen Positionen emotionalisierende Bilder zu verwenden. Sonst hätte man heute in den Medien ja auch kaum noch eine Chance, an hervorgehobener Stelle gedruckt oder zur Prime Time gesendet zu werden. Was aber "Mauer und Stacheldraht" betrifft, so drängt sich mir der Verdacht auf, dass die SPD-Bosse in diesem Fall für die Weltmeisterschaft im Bumerang-Werfen üben. Denn dieses Geschoss wird zu ihnen zurückkehren und sie womöglich an den ohnehin lädierten Köpfen treffen.
Die meisten Wähler dürften nämlich früher oder später merken, was die SPD mit diesen Bildern tatsächlich bezweckt. Der Kalte Krieg ist längst vorbei - und wer die Linke nicht inhaltlich und aufs "Hier und Heute" bezogen angreift, setzt sich dem Verdacht aus, ihm seien die Argumente ausgegangen.
Einer der bedeutendsten Analytiker der politischen Sprache ist der amerikanische Linguist George Lakoff. Hier finden Sie seinen Blog
© Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch / Web Design: Matthew James Taylor.