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Sex sells. Davon profitiert mitunter sogar spröde Wissenschaft. Und so war es auch nicht weiter erstaunlich, dass ein Artikel, der von der Fachzeitschrift "Evolution and Human Behavior" zur Veröffentlichung akzeptiert wurde, bereits vor seiner Publikation für eine heftigen Brise im Blätterwald sorgte. Und zwar weltweit: Von London bis Bombay, von Los Angeles bis Moskau berichteten die Tageszeitungen über die pikanten Erkenntnisse der britischen Psychologen Thomas V. Pollet und Daniel Nettle. Die Schlagzeile lautete, in diversen mehr oder weniger reißerischen Varianten, sinngemäß: "Frauen bekommen bei reichen Männern häufiger einen Orgasmus."
Sex sells. Sex ist offenbar nicht nur ein Motor des Marketings, seine Beziehungen zum Geld sind sprichwörtlich und vielfältig. Das Geld, schrieb Karl Marx in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten, sei die "allgemeine Hure, der allgemeine Kuppler der Menschen und Völker." Ein Mann könne hässlich sein, aber er könne sich die schönste Frau kaufen. Und schon sei er nicht mehr hässlich, denn die Wirkung der Hässlichkeit, ihre abschreckende Kraft sei durch das Geld vernichtet.
"Die Verkehrung und Verwechslung aller menschlichen und natürlichen Qualitäten, die Verbrüderung des Unmöglichen - die göttliche Kraft des Geldes -", schreibt Marx in den Manuskripten, "liegt in seinem Wesen als dem entfremdeten, entäußernden und sich veräußernden Gattungswesen der Menschen. Es ist das entäußerte Vermögen der Menschheit."
Fährt diese göttliche Kraft des Geldes nun auch in die Lenden des reichen Mannes. Ein Mosaiksteinchen zur Beantwortung dieser Frage liefert eine Studie von Pollet und Nettle mit dem Titel "Partner wealth predicts self-reported orgasm frequency in a sample of Chinese women". ("Der Reichtum des Partners sagt die Orgasmushäufigkeit in einer Stichprobe chinesischer Frauen voraus.")
Die beiden Psychologen sind Vertreter einer neuen Denkschule in der Psychologie, die nach der evolutionären Bedeutung menschlicher Verhaltensmuster und Erlebnisweisen fragt. Vereinfacht lautet die Grundhypothese, dass die elementaren Bausteine der menschlichen Psyche in der Naturgeschichte des Menschen entstanden sind, weil sie die Fortpflanzungswahrscheinlichkeit der Individuuen erhöhten. Aus dieser Sicht ist der weibliche Orgasmus natürlich eine harte Nuss. Während nämlich der männliche Höhepunkt üblicherweise den Samenerguss begleitet, so dass seine "evolutionäre Signifikanz" unübersehbar ist, können Frauen auch schwanger werden, wenn sie keinen Orgasmus bekommen. Pollets und Nettles Aufsatz versucht einen Beitrag zur Klärung der Frage zu leisten, welche evolutionäre Funktion der weibliche Orgasmus erfüllt.
Sie stützten ihre Untersuchung auf Daten aus einer national repräsentativen Umfrage zum Gesundheitszustand und Familienleben der Chinesen, die in den Jahren 1999 und 2000 durchgeführt wurde. In diese Umfrage wurden 60 Dörfer bzw. städtische Nachbarschaften einbezogen, die China mit Ausnahme von Tibet und Hongkong demographisch widerspiegelten. Für jeden Untersuchungsbezirk wurden zufällig 83 Personen aus den offiziellen Melderegistern ausgewählt. Das Alter lag zwischen 20 und 64 Jahren. Die Gesamtzahl der Befragten betrug 5000 Personen. 75 Prozent der Zielpersonen beantworteten den Fragebogen. Pollet und Nestle bezogen nur die 1534 Frau in ihre Auswertung ein, die zum Zeitpunkt der Befragung einen männlichen Partner hatten. Die Umfrage fand außerhalb der häuslichen Umgebung statt und bei sensiblen Fragen konnten die Befragten die Antworten unbeobachtet direkt in den Computer eingeben.
In der Evolutionsbiologie wird die Frage des weiblichen Höhepunkts kontrovers diskutiert; zwei dominierende Hypothesen haben sich herauskristallisiert.
Eine große Gruppe von Forschern hält den weiblichen Orgasmus für ein funktionelles Nebenprodukt, für eine Antwort auf den männlichen Samenerguss.
Die zweite große Gruppe ist der Ansicht, dass der Orgasmus der Frau die Aufgabe habe, eine starke emotionale Bindung an Männer mit biologischen Qualitäten zu verstärken.
Wenn die zweite Hypothese zutrifft, dann muss es eine empirische Korrelation zwischen dem Bankkonto des Mannes und der Orgasmushäufigkeit der Frau geben. Denn aus der Sicht der Verhaltensbiologie werden die biologischen Qualitäten eines Mannes u. a. durch seine Fähigkeit bestimmt, seine Frau und seine Kinder zu ernähren und zu beschützen - zumindest solange diese (noch) nicht für sich selbst sorgen können.
Pollet und Nettle waren sich klar darüber, dass die Beziehung zwischen Orgasmushäufigkeit der Frau und Reichtum des Partners durch eine Vielzahl begleitender Einflüsse verzerrt sein kann. Es wäre z. B. denkbar, dass reichere Männer jünger, besser ausgebildet, physisch und psychisch gesünder sein könnten als ärmere. Aus diesem Grunde berücksichtigten sie in ihrer Analyse eine größere Zahl derartiger Störfaktoren.
Die Zielvariablen waren Orgasmushäufigkeit sowie Partner-Einkommen und Partnergröße. Folgende Kontrollvariablen wurden zudem berücksichtigt: Alter, Dauer der Partnerschaft, selbsteingeschätzte Gesundheit und Lebensfreude, Bildung, Einkommensunterschied zwischen Frau und Mann, Bildungsunterschied zwischen Frau und Mann, Grad der Verwestlichung. Die Verwestlichung wurde über die Region operationalisiert, aus der die Befragten stammten.
Das Ergebnis: Das Einkommen des Partners hatte einen hochsignifikanten Einfluss auf die Orgasmushäufigkeit - und zwar auch dann, wenn die Einflüsse aller Störvariablen statistisch kontrolliert wurden. Ein Beispiel: Bei den Frauen mit den ärmsten Männern entsprach die Zahl jener, die nie einen Orgasmus hatten, in etwa der Zahl jener, die immer einen hatten. Unter den Frauen der reichsten Männer fanden sich nur sehr wenige, die nie einen Orgasmus hatten. Auch bei den Frauen von Männern mit mittlerem Einkommen ließ sich eine deutliche Korrelation zwischen Einkommen und Orgasmushäufigkeit feststellen, die den generellen Trend bestätigte: Je reicher der Mann, desto häufiger kommt die Frau.
Die Größe des Partner spielte entgegen einer Ausgangshypothese der Forscher keine statistisch nachweisbare Rolle.
Wie sind diese Befunde zu erklären? Pollet und Nestle erwägen folgende Erklärungsmöglichkeiten:
Befragungen dieser Art können natürlich niemals eindeutig klären, welche dieser drei Erklärungen zutrifft. Die Befunde sind zwar mit der Hypothese verträglich, dass die Funktion des Orgasmus für die Frau darin besteht, Männer, die gut für sie und den Nachwuchs sorgen können, emotional an sich zu binden und gleichermaßen ihre eigene Bindung an diese Männer zu verstärken. Doch andere Interpretation dieser Daten sind ebenfalls nicht ausgeschlossen.
Es stellt sich dem deutschen Manne natürlich die Frage, ob es sich hier vielleicht doch nur um eine chinesische Besonderheit handelt. Meines Wissens wurde der Zusammenhang in Deutschland bisher noch nicht empirisch erforscht. Ob dieses Nichtwissen der Seelenruhe des deutschen Mannes förderlich ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Wer dem Ideal der romantischen Liebe verhaftet ist, den werden die Befunde der britischen Psychologen auf jeden Fall beunruhigen - ganz gleich, wie sie zu interpretieren sind und wie viel man bereits darüber weiß. In Sachen Liebe sind Männer angeblich weniger romantisch als Frauen - und es lohnt sich sicher, im Licht dieser Befunde noch einmal darüber nachzudenken, warum das so ist.
Stoff für Männerphantasien und Nahrung für Vorurteile bieten die Daten aus dem Reich der Mitte auf jeden Fall. Wem fielen da nicht ältere Herren mit erheblich jüngeren Damen als Partnerinnen ein? Dass es sich bei diesen älteren Herren in aller Regel nicht um arme Rentner handelt, muss nicht erst durch eine aufwändige Studie nachgewiesen werden. Aber dass die alten Knacker noch so spritzig im Bett sind! Wer hätte das gedacht?
Die "göttliche Kraft des Geldes", von der Karl Marx sprach, tritt also tatsächlich in vielfältigen Erscheinungsformen auf und besitzt scheinbar auch die Eigenschaften eines konkurrenzlosen Aphrodisiakums.
Aber ist die Wirkung dieses Aphrodisiakums wirklich genetisch programmiert? Natürlich kann man das Geld als Symbol für männliche Qualitäten interpretieren. So wie in der Steinzeit männliche Muskelkraft, Ausdauer und Schnelligkeit Ausdruck ihrer Fähigkeit waren, für Frau und Kinder zu sorgen, so ist heute zweifellos das Bankkonto ein Maß dafür. Die Erklärung der evolutionären Psychologie entbehrt also nicht einer gewissen Plausibilität. Dennoch lässt sich der Verdacht nicht ausräumen, dass hier wieder einmal die Gene dafür herhalten müssen, spezifisch kapitalistische Verhältnisse als naturgegeben zu verklären. Ist der Sex-Appeal von reichen Männern mit Charisma und Macht, die sich rücksichtslos nehmen, was sie haben wollen, nicht vielleicht doch nur systembedingt?
Für Karl Marx war die Antwort klar: "Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. ... wenn dein Lieben als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch deine Lebensäußrung als liebender Mensch dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück."