
Kontakt: eMail | Beratungstelefon: 0911-89659017 | (kostenpflichtig: € 10,00 pro 15 Min., Erstgespräch kostenlos)
Solange nicht von uns verlangt wird, diesen Begriff zu definieren, glauben die meisten von uns zu wissen, was Persönlichkeit sei. Wie selbstverständlich verwenden wir diesen Begriff, als ob er klar und eindeutig sei. Dies geht so weit, dass wir manchen sogar die Persönlichkeit absprechen. Wenn jemand "keine Persönlichkeit" ist, dann ist sein Profil konturlos, er ist ein Blatt im Wind und erscheint fremdbestimmt.
Unter einer ausgereiften Persönlichkeit verstehen wir einen Menschen, der seinem Leben eigene Akzente aufprägt, sich aber dennoch flexibel wechselnden Situationen anzupassen vermag. Im Gegensatz dazu steht die erstarrte Persönlichkeit, deren verfestigte Charaktermerkmale sich auch unter dem Druck der Umwelt nicht mehr verändern. Die gereifte Persönlichkeit schließlich ist die Fleisch gewordene Erfahrung, die in den Stürmen des Lebens geformte Subjektivität, die mit Charme und Chuzpe zu ihren Ecken und Kanten steht.
Es gibt eine Vielzahl von Attributen, die wir dem Begriff der Persönlichkeit beigesellen: flach, windig, charismatisch, verrückt etc. Das Problem mit all diesen Beifügungen besteht darin, dass sie das, was wir mit "Persönlichkeit" meinen, nicht fassbarer machen. Vielmehr werfen wir mit diesen Charakterisierungen oftmals mehr Fragen auf, als wir beantworten. Ein halbwegs präziser Begriff kann durch eindeutige Merkmale beschrieben werden. Die Beschreibung muss nicht perfekt sein. Das ist oft gar nicht möglich. Dies lässt sich z. B. am Begriff des "Vogels" veranschaulichen. So hat ein Vogel Flügel, aber auch Fledermäuse haben Flügel und können fliegen, im Gegensatz zu Hühnern. Trotz dieser Schwierigkeit können wir aber bei den meisten Gegenständen des Alltags schon kleinen Kindern eine Vorstellung davon vermitteln, was sich hinter den Begriffen der Umgangssprache verbirgt.
Nicht so beim Begriff der "Persönlichkeit". Und erst recht nicht beim Begriff der Persönlichkeit mit Attributen. Man nehme beispielsweise die obigen Versuche, solche Persönlichkeitsdifferenzierungen zu definieren. Wer würde nicht eine erstarrte Persönlichkeit kennen oder eine gereifte. Doch gemach: Machen wir die Probe aufs Exempel. Hätten wir einen halbwegs klaren Begriff wie den des Vogels, dann müssten wir doch nach einigem Nachdenken, wenn nicht spontan Merkmale benennen können, die beispielsweise den Fritz oder die Paula als "ausgereifte Persönlichkeit" charakterisieren. Doch bei dem Versuch, derartige Merkmale, meist Verhaltensweisen aufzuzählen, stellen wir schnell fest, dass uns nicht nur zahlreiche Gegenbeispiele einfallen, die der "Diagnose" widersprechen, sondern vor allem bemerken wir, dass unsere Merkmale selbst wieder erklärungsbedürftig sind.
Denn oft sind sie - für sich genommen - gar kein Beweis für die Richtigkeit unserer Diagnose. Ist beispielsweise ein Verhalten Ausdruck des Geizes oder der Sparsamkeit? Ist ein emotionaler Ausbruch ein Zeichen der Unbeherrschtheit oder eines gerechten Zorns?
Diese Bewertungen und Einstufungen können wir nur vornehmen, wenn wir den Kontext des Verhaltens berücksichtigen. Wer hat wann, wo, was getan und warum? Worauf hat er reagiert, was hat er damit beabsichtigt. Nicht zufällig sind dies genau die Fragen, die mit den "Fünf W" verbunden sind, die jeder Journalist in seiner Grundausbildung kennen lernt: Wer, was, wann, wo, warum.
Dies sind die fünf Fragen, die Journalisten in ihren Artikeln beantworten müssen, damit ihre Geschichte stimmig ist. Und so verhält es sich auch in Sachen "Persönlichkeit". Um ein stimmiges Bild einer Persönlichkeit zu zeichnen, müssen wir Geschichten erzählen. Und in aller Regel haben die Geschichten nicht nur einen Akteur - nämlich den Menschen, den wir charakterisieren wollen - sondern viele.
Dies ist auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie eine Persönlichkeit entsteht. Manche meinen ja, die Persönlichkeit stecke in unseren Genen, wie ein Fertigprodukt, das vom Leben nur noch ausgepackt werden müsse. Jede Versuch der Persönlichkeitsbildung wäre dann für die Katz'.
Journalisten, die das Verblüffende lieben, berichten gelegentlich über getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge, die sich nach zwanzig, dreißig Jahren erstmals begegnen und feststellen, dass sie dieselben Vorlieben und Abneigungen, Talente und Schwächen haben. Für dieses beeindruckende Phänomen gibt es allerdings keinerlei wissenschaftliche Beweise. Und es ist auch höchst unwahrscheinlich. Man bedenke, dass die Zahl der menschlichen Gene recht begrenzt ist, aber die Zahl der Verbindungen zwischen den Nervenzellen die Zahl der Sterne im Universum überschreitet. Wie sollte eine solche gewaltige Fülle von Informationen Platz haben im Humangenom? Die Natur hat einen anderen Weg gefunden. Der Mensch ist höchstgradig lernfähig - und so entnimmt er einen Großteil der benötigten Informationen seiner Umwelt.
Die gilt auch für die Persönlichkeit. Im Normalfall ist die erste und wichtigste Persönlichkeitsbildnerin eines Kleinkinds die Mutter. Im Wechselspiel mit der Mutter lernt das Kind, seinen Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen - in einer Form, die zunehmend auch auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht nimmt. Und dabei entwickelt sich ein individueller Stil des "In der Welt Seins".
Später dann treten weitere Persönlichkeitsbildner hinzu: Der Vater, die Geschwister, die Spielkameraden, Mitschüler, Lehrer, Pfarrer, Trainer im Sportverein, Professoren - und nicht zu vergessen die Phantome unserer schönen, neuen Fernsehwelt. All diese realen und fiktiven Personen sind Vorbilder, nach denen wir unsere Persönlichkeit formen. Sie sind oft aber auch Spiegel, die uns Rückmeldung geben über unser Verhalten und die uns helfen, es besser an andere Menschen und wechselnde Situationen anzupassen.
Und so ist die Persönlichkeit nicht nur, aber auch eine Strategie der Lebensbewältigung. Sie wird geformt durch die Einflüsse und Rückmeldungen aus unserer Umwelt. Selbstverständlich spielen auch die Erbanlagen eine gewisse Rolle. Sie haben in etwa dieselbe Funktion wie angeblich die Sterne in der Astrologie. Sie machen geneigt, aber sie zwingen nicht. Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass wir bestimmte Lebensbewältigungsstrategien entwickeln und andere nicht. Man könnte nun fragen, warum unsere Persönlichkeit in aller Regel relativ stabil wirkt, wenn sie nicht genetisch verankert ist. Warum bevorzugen wir nicht heute diese, morgen jene Strategie der Lebensbewältigung? Die Antwort darauf ist sehr simpel. Es ist die Macht der Gewohnheit. Gewohnheiten entstehen auch dann, wenn die entsprechenden Handlungen nicht durch überwältigenden Erfolg gekrönt werden. Sie müssen einfach nur in die Landschaft passen und unsere Bedürfnisse in einem halbwegs zufrieden stellenden Maße befriedigen.
Aus diesem Grunde sind auch die sog. Persönlichkeitsstörungen Strategien zur Bewältigung des Lebens. Sie sind oft nicht gerade Formen der Meisterung des eigenen Geschicks, aber dennoch passen sie in die Landschaft und befriedigen halbwegs die eigenen, oft sehr reduzierten Bedürfnisse. So gibt sich der Narzisst nicht selten sogar mit feindseligen Reaktionen seiner Umwelt zufrieden, denn immerhin sind sie ja auch eine Form der Beachtung, die er braucht wie der Vampir das Jungfrauenblut.
Selbstverständlich sind diese Persönlichkeitsstörungen keine optimale Lebensbewältigung. Und so ist ihre Anwendung häufig mit gesteigertem Stress verbunden. Stress aber vermindert unsere Fähigkeit zur Umsicht und zum Überblick. Daher wissen viele Menschen mit diesen sog. Persönlichkeitsstörungen, dass etwas schief läuft in ihrem Leben. Aber sie klammern sich dennoch an ihre Verhaltensmuster, sie können nicht über ihren Schatten springen. Denn alle Alternativen, die sie bewusst oder unbewusst für realisierbar erachten, sind - so ist ihre offene oder uneingestandene Befürchtung - noch deutlich schlechter, wenn nicht verheerend, lebensbedrohlich.
Selbst die - aus Sicht der Mitmenschen - allerschauerlichsten Persönlichkeitsstörungen sind - subjektiv betrachtet - für den Betroffenen die beste Wahl. Und wenn ihn dann der gesunde Kern seiner Seele in eine Psychotherapie drängt oder der Druck seiner Umwelt, dann wird er vielleicht oberflächlich kooperieren, der Behandlung aber unbewusst Widerstand entgegen setzen.
Es gibt allerdings auch sog. Persönlichkeitsstörungen, auf die diese Psycho-Logik nicht zutrifft. Sie verfehlt vor allem die Psychopathie, Soziopathie, die antisoziale Persönlichkeitsstörung. Bei den davon Betroffenen spielt die Angst keine Rolle; vielmehr ist die Unfähigkeit, sich angemessen zu fürchten, einer der wichtigsten Gründe für das Verhalten dieser "Monster". Bei den meisten anderen Persönlichkeitsstörungen aber ist die Angst die treibende Kraft, die dem störenden Verhaltensmuster zugrunde liegt und die den Widerstand gegen eine Veränderung motiviert.
Wovor aber fürchten sich die "Persönlichkeitsgestörten"? Auch vor Ihnen, lieber Leser! Sie fürchten sich vor ihren Mitmenschen. Sie sind heillos verwirrt, konsterniert, ratlos. Im Spiegel der anderen, diese zum Teil auch als Vorbild nehmend, haben sie ihre Strategie der Lebensbewältigung entwickelt - und was ist der Dank?
Der Begriff "Persönlichkeitsstörungen" ist im Grunde irreführend. Gestört ist nämlich nicht die Persönlichkeit, sondern gestört sind die Beziehungen. Gestört sind die Beziehungen zu Eltern, Lebenspartnern, Kameraden, Kollegen, Vorgesetzten. Gestört sind soziale Systeme, nicht Individuen.
Dies erkennt man sehr schnell, wenn man Geschichten erzählt. Solange man versucht, Persönlichkeiten ins Korsett psychiatrischer Manuale, psychodiagnostischer Schemata zu zwängen, wird einem nicht auffallen, dass sich dieses Problem nicht auf der Ebene eines Individuums abhandeln lässt. Sobald man aber beginnt, die "Persönlichkeitsstörungen" in Form von Geschichten zu erarbeiten, zeigt sich schnell ein anderes, vielschichtigeres Bild.
Die zeitgenössische Psychotherapie und Psychiatrie verweigern sich dieser Sicht der Dinge. Und dies nicht aus böser Absicht oder Dummheit, sondern der Not gehorchend. Zwar kann man in Grenzen auf das Umfeld eines "Betroffenen" einwirken - und dies geschieht ja auch in der Familientherapie - aber diese Grenzen sind doch eng gezogen. Einfacher ist da der auf das Individuum bezogene Ansatz. Psychopharmaka sind schnell verschrieben, und psychotherapeutische Sitzungen lassen sich leicht verwirklichen. Ob's hilft?
Ja, es hilft. Aber kaum mehr als ein Placebo. Oft bleibt sogar nur der Placebo-Effekt. Und so dienen diese Veranstaltungen vor allem der Gewissensberuhigung in einer Gesellschaft, die ihre grundlegenden psycho-sozialen Probleme nicht lösen will oder kann. Strategien zur Bewältigung des Lebens werden selbstverständlich wie jedes Verhalten durch Verstärker geformt. Der allgemeine Verstärker ist das Geld. Das Geld spielt auch bei den sog. Persönlichkeitsstörungen eine große Rolle, direkt und indirekt.
Ein Beispiel: Ein Mensch mit einer sog. Selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung wird am Arbeitsplatz gemobbt. Die treibende Kraft ist ein Kollege, der einen Freund hat und es gern sähe, wenn dieser Freund anstelle des Gemobbten des Position im Unternehmen einnehmen würde. Der Gemobbte verschafft sich endlich durch Kündigung Erleichterung und wird dafür nicht nur durch Stress-Reduktion, sondern auch noch durch Arbeitslosenunterstützung, ggf. auch durch eine Abfindung verstärkt. Diese Erfahrung führt zu einer weiteren Verfestigung der sog. Persönlichkeitsstörung.
Geld spielt als allgemeines Äquivalent fast jeder Art von Verstärkung eine zentrale Rolle in der Steuerung menschlichen Verhaltens - und daher entwickeln sich die sog. Persönlichkeitsstörungen nicht unabhängig vom jeweiligen Wirtschaftssystem. Gilt dieses System als effektiv, dann werden die Persönlichkeitsstörungen u. a. psychische Phänomene als "Kollateralschäden" hingenommen. Und dann ist es natürlich schwierig, wenn nicht unmöglich, Interventionen zur Lösung des Problems einzuleiten, die wirksamer wären als Pillen oder individuelle Psychotherapie.
Was aber nützen diese Einsichten den Betroffenen, also allen Akteuren in gestörten sozialen Systemen? Wenn erst das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenn einer also zum Störenfried erklärt wurde, damit die anderen ihre Ruhe haben, dann ist es für den "Persönlichkeitsgestörten" oft schon zu spät.
Sicher, manche eignen sich besser für die Rolle des "Schwarzen Schafs" als andere. Bei manchen bleibt der "Schwarze Peter" einfach immer wieder hängen. Dennoch: Es kann im Prinzip jeden treffen. Und darum muss auch jeder vorsorgen. Wer in sechs Wochen einen Marathon-Lauf gegen eine starke Konkurrenz gewinnen will, tut gut daran, vorher zu trainieren. Wer nicht unter die Räder kommen will in diesem Spiel, das idiotischerweise "psychische Krankheit" heißt, der übe sich beizeiten.
Es gibt viele Schutzmechanismen, die wir entwickeln können. Der wichtigste ist die Meisterung der Angst vor den Mitmenschen. Wenn sich dieses Gift erst einmal in unsere Seele gesenkt hat, dann werden wir uns über kurz oder lang in einer Weise verhalten, die anderen, nicht wohlmeinenden Zeitgenossen Ansatzpunkte gibt. Das muss ich nicht weiter ausführen.
Es gibt "Fitness-Studios" zum Training der seelischen Muskeln. Die Kosten werden allerdings nicht von den Krankenkassen übernommen. Dabei können Institute für seelisches Wachstum, Coaches und psychologische Internet-Berater einen wichtigen Beitrag zur Vorbeugung "seelischer Störungen" leisten. Die Kassen bezahlen allenfalls Yoga-Kurse. Das nützt zwar nicht viel, ist aber schick. Nun ja!