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Es ist immer wieder dasselbe Lied. Menschen rufen mich an, die von Pontius zu Pilatus gelaufen sind, doch niemand konnte oder wollte ihnen helfen. Sie haben eine wahre Odyssee hinter sich, von Psychiatern zu Psychotherapeuten, mitunter auch von Pfarrern zu Gurus, hin und her, vor und zurück. Niemand wollte ihnen glauben.
Der Pschiater diagnostizierte eine Psychose und offerierte ihnen ein Neuroleptikum. Der Psychotherapeut sprach von "narrativer Wahrheit" und versprach, sie behutsam in die Realität zurückzuführen. Der Priester meinte, ständiges Gebet könne die verwirrte Seele zurechtrücken. Der Guru schließlich zelebrierte magische Rituale. Doch niemand hörte wirklich zu.
Diese Menschen haben eine Geschichte, die wie ein Höllenfeuer in ihrer Seele brennt. Diese Menschen haben eine Geschichte, bei der sofort die Klappe herunterfällt, wenn sie davon berichten. Sogar Ehepartner, gute Freunde, verständnisvolle Mitmenschen schütteln den Kopf, blicken besorgt, empfehlen die Einnahme von Pillen oder den Gang zum Psychiater.
Was ist nun das Unglaubwürdige, das Verrückte an diesen Geschichten? Die häufigsten Geschichten dieser Art, die ich am Beratungstelefon zu hören bekomme, lassen sich in vier Kategorien einteilen:
Viele dieser Ratsuchenden fragen mich, ob ich Ihnen nicht helfen könne, Ihre Geschichten zu beweisen. Manche meinen sogar, ich könne als Gutachter vor Gericht für sie aussagen, dass ihre Geschichten wahr und das sie, die Ratsuchenden nicht verrückt seien.
Selbstverständlich muss ich diese Menschen enttäuschen. Sie haben sich in der Adresse geirrt. Ich bin kein Rechtsanwalt, kein Polizist, kein Detektiv. Meine Aufgabe als Psychologe könnte allenfalls darin bestehen, meinen Klienten zu helfen, mit dem vermutlich Unbeweisbaren zu leben - besser zu leben als zuvor.
Zu einem Ratsuchenden sagte ich: "Wissen Sie, das es gar nicht um Beweisbarkeit geht? Sie sind enttäuscht, verletzt, gekränkt, dass Ihnen sogar die besten Freunde, die Menschen, die Ihnen am nächsten stehen, nicht glauben wollen. Dies erleben Sie als Entwertung Ihrer Person. Ja, man hält Sie für verrückt. Nur, weil sie etwas erlebt haben, was sie nicht beweisen können! Nur, weil Sie es nicht beweisen können?
Darum geht es gar nicht. Ihre Mitmenschen glauben Ihnen tagtäglich alles Mögliche, was sie nicht beweisen können. Problemlos. Gar kein Thema.
Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Nehmen wir einmal an, Sie fahren mit dem Auto eine einsame Landstraße entlang. Sie werden von einem Verkehrsrowdy belästigt, der fast einen Unfall verursacht. Sie fahren an den Straßenrand und sind so außer sich, dass sei zehn Minuten Verschnaufpause brauchen, bevor sie weiterfahren können. Deswegen kommen Sie zu spät zu einem Termin. Als Entschuldigung berichten Sie über diesen Vorfall, und wenn Sie nicht als notorischer Lügner bekannt sind, wird man Ihnen vermutlich glauben.
Beweisen können Sie diese Geschichte natürlich nicht. Es gab keinen Zeugen, keine Spuren. Und nun stellen Sie sich vor, der Verkehrsrowdy wäre ein halbwüchsiger Alien in einem UFO gewesen? Hätte man Ihnen geglaubt?
"Sicher nicht, weil ich's nicht beweisen kann!"
"Beweisen könnten Sie beide Geschichten nicht. Die meisten Ereignisse in unserem privaten Leben, fast alles was uns als Individuum zustößt, können wir nicht beweisen. Das Beweisbare ist nur die Spitze des Eisbergs. Und unseren Mitmenschen geht es nicht anders. Unsere alltägliche Kommunikation beruht zum größten Teil auf Glauben, nicht auf Wissen und Beweisen."
"Und warum wird dann das eine geglaubt und das andere nicht?"
"Daür gibt es keine vernünftigen Gründe. Es geht auch nicht um Plausibilität und Wahrscheinlichkeiten? Wie wollen wir beispielsweise die Wahrscheinlichkeit berechnen, dass uns bei einer Fahrt auf einer Landstraße ein UFO begegnet? Auf solche Fälle ist der Wahrscheinlichkeitsbegriff gar nicht anwendbar. Nein, dafür, dass Ihnen Ihre Mitmenschen Ihre Geschichte nicht glauben, sind unbewusste Mechanismen verantwortlich, die sich der Reflexion entziehen. Ihre Mitmenschen wollen Ihnen nicht glauben, Beweise hin oder her.
Ihre Mitmenschen wissen zwar, dass wir nicht in einer heilen Welt leben, in der es gerecht und vernünftig zugeht. Aber in Ihrem nahen Umfeld möchten sie, dass sie nicht mit Ereignissen konfrontiert werden, die allzu bizarr und / oder grausam sind. Ihre Mitmenschen wollen sich Ihre heile Welt erhalten - und um diese Lüge aufrecht erhalten zu können, werden Sie der Lüge oder Verrücktheit bezichtet. Selbst wenn Sie gute Gründe für die Wahrheit Ihrer Geschichte, gar Beweise hätten, würden sich Ihre Mitmenschen mit Händen und Füßen dagegen wehren, Ihnen zu glauben.
Kein Mensch ist der absoluten Wahrheit teilhaftig. Oft glauben wir, die Wahrheit zu kennen - meist, weil niemand daran zweifelt. Das ist vielfach ja auch ganz vernünftig, vor allem im Bereich der Naturwissenschaften. Doch in anderen Bereichen haben wir die Möglichkeit der Überprüfung und des Beweisens nicht - oder nicht in diesem Ausmaß wie in den Naturwissenschaften. Dann ist es höchstgradig unvernünfitig, die eigene Wahrheit zu verabsolutieren und andere, die sie nicht teilen, für verrückt zu erklären.
Unser Nervensystem hat keinerlei Kontakt mit der Wirklichkeit, wie sie "an sich" ist. Unsere Sinnesorgane nehmen vielmehr Energien wahr (Schallwellen, Licht etc.) und unser Gehirn versucht, Regelmäßigkeiten in den wahrgenommenen Energieschwankungen zu erkennen, denen es dann Bedeutungen zuschreibt. Aus diesen dürftigen Erkenntnissen aus der Außenwelt konstruiert unser Gehirn ein ganzes Universum. Jedes individuelle Gehirn erzeugt auf diese Weise sein eigenes Weltall. Ist es da nicht erstaunlich, dass wir überhaupt in der einen oder anderen Frage übereinstimmen?
Wenn uns ein Mitmensch eine Geschichte erzählt, die wir für nicht plausibel halten, dann sollten wir immerhin die Möglichkeit einkalkulieren, dass diese Geschichte einfach nur nicht in unseren Realitätstunnel passt, dass unser Tunnelblick die Wahrheit der Gechichte des anderen bisher nur übersehen hat.
In den langen Jahren meiner Beratertätigkeit sind mir sehr selten Menschen mit derartigen "unglaubwürdigen" Geschichten begegnet, die nicht doppelt traumatisiert gewesen wären. Sie wurden erstens traumatisiert durch die Erlebnisse, von denen ihre Geschichten erzählen und sie wurden zweitens traumatisiert durch die Reaktionen ihrer Mitmenschen auf diese Geschichten. Besonders schlimm waren häufig die Traumatisierungen, die von den sogenannten Fachleuten, von Psychiatern und Psychotherapeuten verursacht wurden.
Die Reaktionen der Laien bestehen nämlich meistens aus Unverständnis und Spott; die Fachleute aber stehen natürlich über diesen menschlich-allzumenschlichen Grausamkeiten und setzen an die Stelle vulgärer Abwertung die Psychodiagnose. Eine Psychodiagnose ist ein Etikett, das einen Menschen fürs Leben zeichnen kann. Sie kann Ehen zerstören, arbeitslos machen, ja, man kann durch sie seine Freiheit verlieren und mitunter muss man sogar Folter erdulden, die als medizinische Hilfe getarnt ist.
Wer eine "unglaubwürdige" Geschichte auf Lager hat und seinen Mitmenschen erzählt, läuft Gefahr, dass der dadurch verursachte Schaden unter Umständen größer ist als der Schaden, der mit den Erlebnissen verbunden ist, von denen die Geschichte erzählt. Dabei ist es gar nicht entscheidend, dass die Gechichte erzählt wird. Man kann das Erzählen der Geschichte durchaus unbeschadet überleben. Es kommt darauf an, wie sie erzählt wird. Es gibt selbstgefährdende Formen des Erzählens dieser Geschichten. Zu diesen Formen neigen wir, wenn wir von dem Wunsch beseelt sind, dass die Mitmenschen uns doch bitte, bitte, um Himmelswillen glauben möchten.
Und so rate ich jedem Betroffenen, diesem missionarischen Streben zu entsagen. Es kommt doch gar nicht darauf an, ob andere uns glauben. Niemand steht in unseren Schuhen. Niemand steckt in unserer Haut. Entscheidend ist, die eigenen Wahrheiten als Ressourcen zu nutzen, als Hilfsquellen zur Lösung unserer Probleme.
Dies bedeutet natürlich nicht, dass wir aufhören sollten, nach Beweisen zu streben. Natürlich: Wenn schon sonst niemand an uns glaubt, dann sollten wir zumindest selbst an uns glauben. Doch Tatsache ist nun einmal, dass niemand vor Irrtümern gefeit ist. Darum sollten wir die Stimme des Zweifels in uns nicht unterdrücken.
Der Zweifel ist ein wertvolles Korrektiv unseres seelischen Lebens. Er zwingt uns, Hypothesen zu überprüfen, Fakten zu sammeln und aus ihnen logische Schlüsse zu ziehen. Selbstverständlich können wir auch die Meinungen von Mitmenschen einholen - aber Fakten und logische Schlüsse sind allemal wichtiger als die Meinungen anderer. Vor allem jedoch sollten wir die eigenen Erfahrungen ernstnehmen. Sie sind die Grundlage unseres Wissens. Sie sind die Basis unseres Universums. Wir haben nichts anderes, wonach wir uns richten könnten. Letztlich müssen wir alles selbst überprüfen. Darum ist es auch nicht so wichtig, ob andere uns glauben.