Die fehlbare Präzision des Gedächtnisses

Die Glaubwürdigkeit der Erinnerungen von Psychiatrie- oder Psychotherapie-Patienten steht auf dem Prüfstand. Spektakuläre Prozesse wegen sexuellen Missbrauchs, in denen sich die Vorwürfe mutmaßlich Betroffener als wahrscheinlich unbegründet herausstellten, nährten den Verdacht, diesen Menschen seien diese Erinnerungen während einer Psychotherapie von wohlmeinenden, böswilligen oder geldgierigen Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten eingepflanzt worden. Was haben mutmaßliche Opfer sexuellen Missbrauchs mit UFO-Entführten zu tun?

Die menschliche Erinnerung ist nicht vollkommen. Wer hätte das noch nicht selbst erlebt. Wer hätte nicht schon einmal schwören können, dass er einen gesuchten Gegenstand an diese oder jene Stelle gelegt habe, und dann... ja, dann findet ihn z. B. die Freundin oder die Ehefrau ganz woanders. Wie peinlich. Unsere Erinnerung ist fehlbar. Das ist wahr.

Wahr ist aber auch, dass die menschliche Erinnerung atemberaubend präzise ist. Sie muss es auch sein. Was geschieht, wenn das nicht mehr so ist, kann man bei Menschen mit organisch bedingten Gedächtnisstörungen beobachten. Wir brauchen ein gut funktionierendes Gedächtnis, damit wir uns morgens im Spiegel wiedererkennen, damit wir wissen, wie unsere Kinder heißen, welche Aufgaben uns der Chef vor drei Wochen gegeben hat und wann wir der Mutter Blumen zum Geburtstag bringen müssen. Ohne realitätsentsprechende Erinnerungen wären wir schlichtweg aufgeschmissen und seelische Krüppel.

Natürlich unterlaufen unserem Gedächtnis sehr häufig Fehler. Das ist eine alltägliche Erscheinung. Widersprechen sich diese beiden Aussagen – Gedächtnis präzise bzw. Gedächtnis mitunter grotesk fehlbar – nicht fundamental?

Der Kern und die Details

Die Fehlbarkeit des Gedächtnisses betonen die Anhänger der Theorie des „False Memory Syndromes“, des Syndroms der falschen Erinnerungen. Dabei geht es meist um Erinnerungen an mutmaßlich kriminelle oder sehr unwahrscheinliche Vorgänge. Die Vertreter dieser Theorie berufen sich u. a. auf die empirische Forschung zu den Erinnerungen von Unfallzeugen. Die prominenteste Wissenschaftlerin, die sich mit der Unfallzeugenforschung beschäftigt, ist die amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus (1). Loftus ist ebenfalls eine Anhängerin der "False-Memory"-Syndroms.

Die Psychologie von Unfallzeugen spricht in der Tat Bände, allerdings andere, als manche Laien offenbar gelesen haben. Es ist nämlich so, dass sich Unfallzeugen ebenso wie andere Menschen in aller Regel sehr gut an den Kern eines Geschehens erinnern, sehr schlecht aber an die für sie unwesentlichen Details (2).

Leider sind aus polizeilicher bzw. juristischer Sicht gerade die Details entscheidend. Ein Mensch, der Zeuge eines Bankraubs wurde, erinnert sich womöglich sehr präzise daran, wie viele Schüsse der Täter abgegeben und was er dabei gebrüllt hat, aber ob er eine rote oder schwarze Krawatte trug oder Sandalen bzw. Halbschuhe, daran erinnert er sich oft nicht so genau, mitunter auch falsch.

Der Kern von Vorgängen wird in der Regel recht gut behalten, die Details aber nicht. Aus juristischer Sicht noch schlimmer ist die Vermischung von Vorgängen mit nachfolgenden Interpretationen. Ein Beispiel: Jemandem wird ein Fahrrad gestohlen. Er denkt, das war bestimmt der Klaus, denn der Klaus war immer auf mein Fahrrad neidisch. Nach zwanzig Jahren trifft er Klaus wieder und denkt: Das war der Klaus, der mein Fahrrad gestohlen hat. Das ist auch ein brisantes Problem der Glaubwürdigkeit von Zeugen bzw. Opfern.

Ein anderes Beispiel: Ein Kleinkind behauptet, der Teufel habe ihm die  Hose herunter gezogen und an seinem Penis gespielt. Es kann den Teufel recht gut beschreiben, er trug eine schwarze Robe, hatte Hörner auf dem Kopf und glühende Augen wie Kohlen. Aufgebrachte Sozialarbeiterinnen verhören das Kind und gelangen zu der Diagnose, ein satanistischer Zirkel sei am Werke. Skeptiker behaupten demgegenüber, dass Kind habe etwas völlig Absurdes behauptet, denn kein Mensch, der halbwegs bei Trost ist, könne an Teufel glauben. Das sei doch nur eine alterstypische Phantasie ohne Realitätsgehalt.

Nun mag es bei nüchterner Betrachtung aber sein, dass dieses Kind den Kern des Vorgangs, nämlich den sexuellen Missbrauch, sehr präzise und wahrheitsgemäß erinnert hat, dass aber seine Interpretation, der Teufel sei der Täter, falsch war. Es könnte nämlich sein, dass der Täter sich eine Teufelsmaske aufgesetzt hat, weil er schlau war und sowohl die Reaktion der Sozialarbeiterinnen, als auch der Skeptiker und natürlich die des Kindes vorhergesehen hatte. By the way: Man kann auch Leute entführen, einer Gehirnwäsche unterziehen und sich dabei aus ähnlichen Motiven als Außerirdischer verkleiden.

Haben UFO-Entführte ein schlechtes Gedächtnis?

Bedeutet dies also, dass z. B. ein Ufo-Entführter auch tatsächlich entführt wurde? Wahrscheinlich. Wenn sich ein ansonsten und vorher psychisch stabiler Mensch z. B. an eine Entführung durch Außerirdische erinnert, dann ist er mit allerhöchste Wahrscheinlichkeit auch entführt worden. Seine Mutmaßungen über die Täter (hier: angeblich Außerirdische) mögen allerdings falsch sein. Es mag zwar sein, dass er sich das alles nur ausgedacht hat, aber das hat dann nichts mit der Fehlbarkeit des Gedächtnisses zu tun. Ein psychisch gesunder Mensch erinnert sich nicht fälschlicherweise an ein so bedeutendes und aufwühlendes Ereignis wie eine Entführung. Das widerspricht nicht nur jeder Psychologie, sondern auch jeder Lebenserfahrung.

Falsche Berichte über vergangene Ereignisse müssen also nicht zwangsläufig auf falschen Erinnerungen beruhen. Oft sind Denkfehler für die Verzerrung der Wirklichkeit verantwortlich. Beispiel: Ein Mensch erinnert sich an eine Entführung durch Außerirdische. Sein Urteil, dass es Außerirdische gewesen seien, beruht auf dem Aussehen der Entführer. Wenn er dies nicht als Hypothese betrachtet, sondern sicher ist, dass es Außerirdische gewesen seien, so kann diesem Schluss ein Denkfehler zugrunde liegen, sofern dieser Mensch nicht zunächst Alternativhypothesen ausgeschlossen hat (wie z. B. jene, dass die Entführer maskierte Menschen waren). Leider neigen wir Menschen zu vorschnellen Urteilen – uns bleibt auch kaum etwas anderes übrig, weil das Leben voranschreitet und von uns immer wieder augenblicks Stellungnahmen fordert.

Ich wähle ein weiteres Beispiel, um die Sache noch klarer zu machen. Konsumenten von LSD werden nach ihren Drogenerfahrungen befragt. Manche berichten, sie hätten Dämonen gesehen, die zu ihnen sprachen. Hohe Dosen dieser Droge können tatsächlich derartige Halluzinationen auslösen: Die Erinnerung an diese Halluzinationen kann also durchaus zutreffen, wenngleich die Interpretation, es habe sich tatsächlich um Dämonen gehandelt, auf einem Denkfehler beruhen kann, sofern die Gegenhypothese, es sei eine Drogenwirkung gewesen, nicht berücksichtigt wurde.

Denken und Gedächtnis sind logisch und funktionell voneinander getrennt. Bevor ein Gedächtnisinhalt interpretiert werden kann, muss er zunächst einmal gespeichert worden sein. Bevor ich eine Gruppe von sich gleichförmig bewegenden Lichtpunkten als UFO interpretieren kann, müssen diese Lichtpunkte zumindest kurzfristig in meinem Ultrakurzzeitgedächtnis repräsentiert gewesen sein. Die Wahrnehmung der Lichtpunkte und die entsprechende Interpretation sind zwei verschiedene Operationen und das Gehirn speichert sie auch als zwei verschiedene Operationen. Sie mögen zwar in der Erinnerung verschmelzen, aber sie verschmelzen dann als Folge von Denkfehlern. Wenn ich tief durchatme, kann ich mir auch klarmachen, dass ich kein UFO gesehen habe, sondern sich gleichförmig bewegende Lichtpunkte, die ich für ein UFO gehalten habe (was zutreffen mag oder auch nicht).

Fazit: Die False-Memory-Hypothese ist denkbar ungeeignet, paranormale oder andere außergewöhnliche Erlebnisse und Erfahrungen gleich welcher Art zu widerlegen. Was den Kern von Sachverhalten und Vorgängen betrifft, kann man seinem Gedächtnis, sofern es sich um subjektiv bedeutsame Ereignisse oder Tatsachen handelt, durchaus vertrauen. Das Gedächtnis ist zwar keine passive Struktur, es ist konstruktiv, aber es füllt in der Regel nur die Lücken, es erschafft nichts grundsätzlich Neues. Wäre dies nicht so, dann wären wir alle nicht lebensfähige mentale Krüppel.

Gedankenexperiment

Lehnen Sie sich entspannt im Sessel zurück und denken Sie an Ihre Kindheit. Lassen Sie Ereignisse aus den ersten zehn Jahren Ihres Lebens vor Ihrem inneren Auge Revue passieren. Denken Sie an schöne Ereignisse, an Kindergeburtstage, an einen besonders reich beladenen Gabentisch zu Weihnachten. Vergegenwärtigen Sie sich aber auch schreckliche Ereignisse, wie beispielsweise Unfälle, Kränkungen durch Eltern oder enge Freunde. Vermutlich werden Sie sich ziemlich sicher sein, dass diese Ereignisse in etwa so stattgefunden haben, wie sie nun in Ihrer Erinnerung auftauchen. Doch stimmt das auch? Könnte es nicht ganz anders gewesen sein? Narrt Sie vielleicht Ihr Gedächnis? Gibt es hieb- und stichfeste Beweise für den Wahrheitsgehalt Ihrer Reminiszenzen?


Lenticulariswolke

Manchmal lösen sich Erinnerungen an UFO-Entführungen in Luft auf wie diese Lenticulariswolke; manchmal aber auch nicht.

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