Hans Ulrich Gresch: Psychologie des Glaubens

Hans Ulrich Gresch

Die Psychologie des Glaubens



Der Glaube versetzt bekanntlich Berge. Obwohl dies allgemein bekannt ist, benutzen die meisten Gläubigen, wie andere Menschen auch, für Erdbewegungen lieber den Bagger oder andere Gerätschaften, die für diesen Zweck geeignet sind. Auf diesen Widerspruch aufmerksam gemacht, rechtfertigen sich die Gläubigen in der Regel mit dem Hinweis, der "Berg" sei nur symbolisch gemeint.Was aber symbolisiert dann der Berg? Auf die Definitionsarbeit, die nun erforderlich wird, lassen sich die allermeisten Gläubigen nicht ein. Verständlich, das wäre ja auch eine große Aufgabe.

Es scheint mir ohnehin klüger zu sein, die Macht des Glaubens an kleineren Gegenständen zu veranschaulichen. Hier denke ich beispielsweise an diese bunten Kügelchen, mitunter auch Globuli oder auch Zückerli genannt - die Wissenschaft spricht von Placebos. Dies sind Medikamente ohne pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffe. Jeder weiß aus Erfahrung oder glaubt zu wissen, dass diese Pillen tatsächlich wirken, wenn man nur an sie glaubt.
Untersucht man dieses Phänomen allerdings wissenschaftlich, so zeigt sich:

  1. Placebos sind am wirksamsten, wenn Arzt und Patient daran glauben.
  2. Placebos wirken nur bei Befindlichkeitsstörungen wie Schmerzen, Ängsten, Depressionen; gegen Organerkrankungen können sie nichts ausrichten.
  3. Die Placebowirkung wird häufig mit der Spontanheilung verwechselt. Nicht der Glaube wirkte, sondern die ohnehin ablaufenden Selbstheilungskräfte des Menschen.

Aus dieser Verkleinerung der Symbolik können wir also ableiten, dass der Glaube zwar keine Berge, wohl aber den Menschen mitunter in die Lage versetzt, Befindlichkeitsstörungen zu meistern. Wäre der Glaube zu mehr nicht gut, so wäre er schon gut genug. Doch der Glaube verträgt sogar noch eine weitere symbolische Schrumpfung. Man kann ihn auf den puren Klang kondensieren. Weder Berge, noch Pillen sind erforderlich, um die Wunder des Glaubens zu wirken. Es genügt das Wort. Dies führt uns in das Reich der Psychologie.

Rund fünfzig Jahre wissenschaftliche Psychotherapieforschung haben gezeigt, dass die psychotherapeutischen Methoden keinen nennenswerten Einfluss auf das Therapie-Ergebnis haben. Jede Therapie ist gleich gut. Es genügt, wenn Psychotherapeut und Klient an die Heilwirkung der Methode glauben, am besten, auf sie schwören. Dann ist es egal, ob Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, wissenschaftliche Hokuspokustherapie - jeder kann und darf nach seiner Fasson selig werden.

Was für die Psychotherapie gilt, trifft gleichermaßen auf jede andere Anwendung psychologischen Wissens zu. Ob Coaching, Beratung oder Training, ob Traumdeutung oder Persönlichkeitsanalyse. Was auch immer: Wichtig ist der Glaube. Diese, den meisten Psycho-Gewerbetreibenden unangenehme Erkenntnis ist nicht der gallige Bittersaft eines professionellen Außenseiters, sondern die Quintessensz der psychologischen Forschung, jener Forschung, auf die sich die Psycho-Fuzzies so gern berufen, wenn sie etwas herausfindet, was ihnen in den Kram bzw. ins Marketing-Konzept passt.

Die Show läuft immer gleich ab. Ein Kunde möchte etwas machen, was er sich nicht zutraut. Er glaubt nicht daran, dass er es aus eigener Kraft schaffen kann. Er geht also zum Psycho-Handwerker und lässt sich behandeln. Der Psycho-Dienstleister packt sein Methoden-Instrumentarium aus und beginnt zu werkeln. Den Kunden motiviert dass im günstigen Falle so sehr, dass er seine Vorurteile hinsichtlich des eigenen Vermögens vergisst und das Angestrebte verwirklicht. Schlussendlich glauben beide, Psycho-Fuzzie und Kunde, dass dies die Folge der professionellen Qualifikation, der persönlichen Qualitäten des Therapeuten und vor allem seiner überragenden Methode sei.

Kein Wort davon ist wahr. Es handelt sich eindeutig um eine falsche... sagen wir's psychologisch: Kausalattribution. Diese kann weitreichende Konsequenzen haben. Abgesehen davon, dass sie sich wunderbar zur Legitimation des Honorars eignet, verfestigt sie natürlich auch die Vorurteile des Kundens hinsichtlich des eigenen Vermögens, sich aus eigener Kraft zu verändern. Dadurch entsteht eine Abhängigkeit von den Psycho-Gewerblern oder sie wird verstärkt. Dies ist eigentlich ein höchst unerwünschtes Phänomen, sofern man eine freiheitliche Gesellschaft mit autonomen Individuen für erstrebenswert hält.

Bin ich nun ein Nestbeschmutzer oder gar ein Idiot, der selbstschädigend die eigene Zunft schlecht macht? Das mag alles sein und ich bestreue schuldbewusst mein Haupt mit Asche. Dennoch stehe ich hier und kann nicht anders. Ich stelle mich bewusst in die geistige Tradition Siddharta Gautamas, des Buddhas, der vermutlich 563 v. u. Z. geboren wurde und dessen Lehre heute auf die eine oder andere Weise jeden Winkel unseres Planeten erleuchtet. Buddha sagte seinen Jüngern, sie sollten an nichts unbesehen glauben, sie sollten alles selber überprüfen. Sie sollten auch nicht seine eigene Lehre unkritisch hinnehmen.