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Viele beklagen den Streit der psychologischen Schulen, die oft fundamental unterschiedliche Auffassungen zu demselben Sachverhalt vertreten. Sogar die naturwissenschaftlich orientierten Experimentatoren, die auf Zahlen, Daten und Fakten schwören, haben offenbar den Königsweg zur psychologischen Erkenntnis noch nicht gefunden. Dies beweisen die sog. Meta-Analysen. Eine Meta-Analyse fasst alle empirischen Studien zu einer Fragestellung quantitativ zusammen. Häufig zeigt sich, dass ebenso viele Untersuchungen für wie gegen eine bestimmte Hypothese sprechen.
Darf man die Psychologie unter diesen Bedingungen überhaupt als Wissenschaft bezeichnen? In den Naturwissenschaften wie der Physik und der Chemie gleichen die Lehrbücher einander wie ein Ei dem anderen, weil sie auf einer gemeinsamen, empirisch erhärteten Erkenntnis-Grundlage beruhen. In der Psychologie gleichen sich die Lehrbücher zwar auch, oder genauer, sie ähneln sich, aber nur, weil sie auf einem fachlichen Konsens beruhen. Noch genauer: Es gibt weltweit einen Haufen von einflussreichen Wortführern in der Psychologie, die sich auf Lehrmeinungen einigen... und wer noch Karriere machen möchte, passt sich diesen Lehrmeinungen freudig an. Die anderen tun dies aus Bequemlichkeit und schlechter Gewohnheit.
Viele Fachleute und interessierte Laien empfinden den oben skizzierten Zustand der Psychologie als überaus unbefriedigend. Fragt man nach Gründen dafür, so erhält man meist eine Antwort, die plausibel klingt und die, wie plausible Antworten so oft, dennoch mehr Fragen aufwirft als beantwortet.
Diese Antwort lautet: Die Psychologie sei eine junge Wissenschaft, sie habe sich erst vor etwas mehr als hundert Jahren von der Philosophie gelöst, erst seit rund fünfzig Jahren verfüge sie über ein verfeinertes, statistisches Instrumentarium und überdies sei das menschliche Verhalten und Erleben der komplexeste Gegenstand im Universum.
All dies und noch viel mehr Gleichsinniges trifft selbstverständlich zu. Doch dieser Erklärungsversuch enthält eine unausgesprochene Implikation, die wir uns näher anschauen müssen. Sie lautet: Es gibt einen Erkenntnisfortschritt in der Psychologie - und wenn wir nur genug Geduld aufbringen und ein wenig warten, dann wird sich diese Wissenschaft Schritt für Schritt in eine reife Disziplin verwandeln.
Die Vertreter dieser These könnten sich auf die Neuropsychologie berufen. Seit einigen Jahren können wir ja mit bildgebenden Verfahren dem Gehirn bei der Arbeit zuschauen. Bisher brachte der Einsatz dieser Verfahren im Grunde nicht mehr als die Bestätigung von Erkenntnissen, die bereits mit herkömmlichen Methoden gewonnen wurden. Dennoch: Steht nicht doch ein Durchbruch bevor?
Ich bezweifele, dass der Fortschritt der psychologischen Erkenntnis uns jemals in die Lage versetzen wird, Sachverhalte mit der Objektivität und Präzision zu ergründen wie beispielsweise die Physik und die Chemie. Dies begründe ich mit einer erkenntnistheoretischen Erwägung, mit der ich nunmehr seit gut dreißig Jahren ringe und der ich, je älter ich werde, immer weniger entgegenzusetzen vermag.
Erkenntnistheorie ist ein schwieriges Geschäft. Um sie auch nur in den Grundzügen zu verstehen, bedarf es philosophischer Grundlagen, die ich nicht voraussetzen und hier auch nicht erläutern will. Statt dessen begnüge ich mich mit einem Bild, um meinen Gedanken verständlich zu machen.
Stellen Sie sich vor, ein Mikroskop würde durch eine gute Fee oder durch einen bösartigen Dämon in ein denkendes Wesen verwandelt. Dieses denkende Mikroskopt fährt fort, seine Aufgabe zu erledigen: Es analysiert Gegenstände, nüchtern und objektiv. Eines Tages aber ist es unzufrieden mit seinen Erkenntnissen und fragt sich, was es besser machen könnte.
Da dieses Mikroskop neben der Denkfähigkeit auch noch andere menschliche Eigenschaften besitzt, sucht es die Schuld bei sich selbst. Vielleicht, so denkt es, mache ich ja etwas falsch. Also beschließt es, sich selbst zum Gegenstand der Analyse zu machen. Das Dumme ist nur, dass es sich nicht in Scheiben schneiden und dann unter sich selbst legen kann.
Also untersucht unser denkendes Mikroskop Scheibchen für Scheibchen andere Mikroskope und gelangt zu einer Vielzahl beachtlicher Erkenntnisse. Allein: die Unzufriedenheit mit den Resultaten will nicht weichen. Das Mikroskop denkt darüber nach, aus welchen Wurzeln diese Unzufriedenheit hervorsprießt und sieht schließlich ein, dass es auf die beschriebene Weise andere erkennende Subjekte, also denkende Mikroskope nur als Objekte analysiert - auf diese Weise aber niemals erfahren kann, wie sich die eigene Erkenntnis von innen her, also subjektiv vollzieht.
Unser Mikroskop lässt sich aber nicht entmutigen und entscheidet sich, die Methode zu wechseln. Anstatt andere Mikroskope von außen zu analysieren, wendet es sich seiner Innenwelt zu und betreibt Introspektion. Derart gewinnt es auch einige beachtliche Erkenntnisse, aber es ist immer noch unzufrieden. Nach einigem Nachdenken fällt ihm auf, dass es in seiner inneren Welt nur das Dilemma der äußeren Welt reproduziert. Indem es sich selbst zum Gegenstand der Analyse macht, spaltet es sich in ein analysierendes Subjekt in in ein objektiviertes, analysiertes Subjekt.
Die Katze beißt sich in den Schwanz. Wie man es auch dreht und wendet, wie akribisch man auch versucht, den eigenen Erkenntnisprozess bis in die feinsten Verästelungen zu durchleuchten, man findet dennoch keinen direkten Bezug zu dem Erkenntnisprozess dieser Durchleuchtung. Es bleibt ein subjektiver Rest, der sich nicht objektivieren lässt.
Es bleibt ein subjektiver Rest, und dagegen ist kein Kraut gewachsen. Wir können allenfalls eine Vogel-Strauß-Politik betreiben und dieses erkenntnistheoretische Dilemma ignorieren. Dies ist der Weg der modernen empirischen Psychologie, die wähnt: Wenn man nur - durch objektivierende Forschung - genug Mosaiksteinchen gesammelt hat, dann wird man diese eines Tages zu einem stimmigen Bild zusammensetzen können. Der hemdsärmelige, naturwissenschaftlich denkende Mosaikbildner versagt sich selbstverständlich jede Abirrung ins Reich der philosophischen Erkenntnistheorie.
Diese Haltung wird nun seit Jahrzehnten stur verfolgt. Die so geschaffene Lage in der Forschung habe ich eingangs beschrieben. Ich bin mir bewusst, dass ich mit meinen Erwägungen niemand bewegen kann, den eingetretenen Pfad zu verlassen. Aber ich fühle mich auch nicht verpflichtet, der Mehrheit auf diesem Weg zu folgen.
Für mich ist die Psychologie - ihrem Wesen, ihrer erkenntnistheoretischen Problematik und ihrer existenziellen Bedeutung gemäß - keine reine Wissenschaft, erst recht keine Naturwissenschaft, sondern eine wissenschaftliche Kunst. Sie schafft keine Mosaike der Wirklichkeit, sie produziert in ihren Laboren nicht die dazu passenden Mosaiksteinchen, sondern sich kreiert Modelle und erfindet Metaphern der Wirklichkeit und kleidet diese Modelle und Metaphern in Geschichten. Damit sind nicht nur Fallgeschichten gemeint.
Aus meiner Sicht kann man Psychologie nur Geschichten erzählend treiben - selbst im psychologischen Labor werden Geschichten erzählt. Und dies ist gut so. Warum helfen Psychotherapien? Weil sie auch wissenschaftlich abgesicherten Methoden beruhen? Die empirische Psychotherapieforschung erzählt uns eine andere Geschichte - die Geschichte von Dodo Bird. Alle Methoden sind gleich gut - und sie spielen für den Therapieerfolg eine nur sehr geringfügige Rolle. Psychotherapeuten können dennoch helfen, wenn sie mit ihren Klienten zusammen die Psychotherapie in eine mitreißende Geschichte verwandeln.
James Hillman: Die Heilung erfinden. Schweizer Spiegel Verlag, 1986
James Hillman ist ein amerikanischer Psychologe und Psychoanalytiker der C.-G.-Jung-Schule. Er versteht die Psychopathologie als die Rede der leidenden Seele.
Corydon Hammond (Ed.): Hypnotic Suggestions and Metaphors. Norton & Co., 1990
Folgen Sie dem bedeutenden amerikanischen Hypnosetherapeuten in das Reich der seelischen Bilder.
Sherlock Holmes
Psychologische Geschichten sollten nicht nur mitreißen, die Moral heben, die Sinne schärfen und den Geist erweitern, sie sollen und müssen auch stimmig sein. Sonst sind sie nicht von Nutzen in einer realen und mitunter brutalen Welt. Psychologische Erzähler brauchen das Gespür von Kriminalisten. Nehmen Sie mal wieder ein Buch von Arthur Conan Doyle zur Hand und schauen sie dem scharfsinnigsten Kriminalisten aller Zeiten bei der Arbeit zu.
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